Podcast: Habe ich ein Imposter-Syndrom?

Hier geht’s um das zweite Buch unseres Audible-Podcasts „Erzähl mir alles: Psychologie“. Es trägt den Namen „Fiese Gefühle“ und besteht aus drei Kapiteln. Im ersten Kapitel reden Barbara, Muriel und ich über etwas, das man im Alltag gerne als „Imposter-Syndrom“ bezeichnet.

Aber erstmal was Autobiografisches. Seht Ihr das Bild oben? Ich habe es im Jahr 2022 aufgenommen, damals war ich mal wieder für einige Monate in den USA, meine Tochter hat mich dort besucht und wir sind zusammen mit dem Zug von Ann Arbor nach Chicago gefahren. Ich hab den Trip sehr genossen und überhaupt muss ich sagen, dass ich mich bei meinen diversen Besuchen in der Stadt eigentlich immer wohlgefühlt hab. Warum? I don’t know. War aber so. Ich hab an Chicago eigentlich nur gute Erinnerungen.

Das mag auch daran liegen, dass ich, wenn ich dort war, gerne das Art Institute of Chicago besucht hab und stets begeistert war. Immer hat mich dort etwas überrascht, inspiriert oder umgehauen. Im Frühjahr 2022 war das unter anderem diese antike Skulptur auf dem Foto. Sie zeigt einen Satyrknaben, ein fabelhaftes Kindergartenkind, das sich hinter der Maske eines alten Mannes versteckt, um seine Umwelt zu erschrecken. Das hat mich angesprochen. Als Kind hat mich vieles in und an der Welt in Schrecken versetzt. Gab es nichts, um sich all das vom Leib zu halten? Dieser Junge hinter der Maske hat für sich einen Weg gefunden. Er wird selbst zu dem, was ihn ängstigt.

Und das bringt uns zwanglos zum Imposter-Syndrom. Es handelt sich dabei um das Gefühl, dass andere uns eine Rolle zuschreiben, die wir aus unserer Sicht eigentlich gar nicht ausfüllen können. Wir denken dann: „Hui, wenn DIE wüssten, wie wenig ich eigentlich kann …“

Ich muss dann immer an diese Passage aus dem Faust denken, wo der greise Held der Tragödie mit seinem Assistenten Wagner einen Osterspaziergang unternimmt. Und das Landvolk ihn dafür abfeiert, dass er zusammen mit seinem Vater so tapfer geholfen hat während der vergangenen Pest-Epidemie. Und Faust meint hinterher so sinngemäß zu Wagner: Ey, wir hatten keine Ahnung, was wir da eigentlich gemacht haben. Wir haben mit unseren Behandlungen vermutlich mehr Leute unter die Erde gebracht als die Krankheit selbst.

Hier war die Arzenei, die Patienten starben,

Und niemand fragte: Wer genas?

So haben wir mit höllischen Latwergen

In diesen Tälern, diesen Bergen

Weit schlimmer als die Pest getobt.

Ich habe selbst den (!) Gift an Tausende gegeben:

Sie welkten hin, ich muss erleben,

Dass man die frechen Mörder lobt.

Man kann das, wenn man ein bisschen großzügig ist, als Imposter-Phänomen avant la lettre durchgehen lassen. Faust denkt und sagt: Wenn DIE wüssten …

Schrieb ich eben „Imposter-Phänomen“ und nicht „Imposter Syndrom“? In der Tat, ich tat es! Warum? Weil die wissenschaftliche Literatur das im Wesentlichen auch so macht. Wir sprechen darüber in unserem Podcast: Das erste Paper dazu stammt von der Psychologin Pauline Clance, es erschien im Jahr 1978. Clance fiel damals auf, dass viele junge Überfliegerinnen in der Medizin das Gefühl hatten, gar nicht den gesellschaftlichen Rang und Respekt zu verdienen, den man ihnen zuschrieb – obwohl sie nach allen objektiven Kriterien diesen Respekt sehr wohl verdient hatten und exzellente Leistungen abliefern. Kurz: Die jungen Frauen fühlten sich wie Betrügerinnen und Hochstaplerinnen, ohne welche zu sein. Darüber hat Pauline Clance sich sehr gewundert, viele Interviews geführt und dann einen Aufsatz geschrieben in der erfrischenden Haltung: „Hey, Leute, hört mal her, was mir in meiner Praxis so aufgefallen ist.“ Tja. So kam der Begriff in die Welt.

In unserem Podcast spielen wir – wie wir das gerne tun – einen gut etablierten Fragebogen zum Imposter-Phänomen durch. Natürlich nur in Auszügen. Man will niemanden langweilen. Es gibt, wie man sich denken kann, mehrere Fragebögen, um das Imposter-Phänomen zu messen. Am häufigsten verwendet die Forschung die Clance IP-Scale, an die auch wir uns gehalten haben. Man muss zugeben, dass die IP-Scale nach aktuellem Stand vermutlich nicht das beste Werkzeug von allen ist. Aber naja … man will nicht päpstlicher sein als der Papst.

In der Vorbereitung auf die Folge ist mir aufgefallen, dass verblüffend viele Studien zum Imposter-Phänomen noch immer in der Medizin gemacht werden. Der weiße Kittel ist wohl Schuld daran – weil die Leute dann was in einem sehen, das man als Einzelmensch wohl nur schwer erfüllen kann. Interessanter Funfact: Die Erstautorin für den wohl wichtigsten Forschungsüberblick zum Thema ist keine Psychologin, wie man das erwarten würde – sondern eine Medizinerin. Keine Ahnung, ob das irgendwen juckt. Ich fand’s jedenfalls kurios.

Wie immer stecke ich mit diesem Blogpost in einer Art Zwickmühle: Ich will Euch, die Ihr hierher gefunden habt, natürlich nicht langweilen oder enttäuschen. Das wäre sträflich. Andererseits: Wenn ich hier alles verrate, was wir im Podcast so erzählen – das wär auch wieder doof. Ich will ja, dass uns möglichst viele Leute zuhören.

Ich ziehe meinen Kopf aus der Schlinge, indem ich meine Hauptthesen für mich behalte (kleiner Tipp: das Imposter-Phänomen hat ne Menge mit Erfahrung zu tun; und mit Persönlichkeit) – aber immerhin noch zwei kleine Funfacts raushaue, die man sich gut merken und leicht weitererzählen kann.

Erstens. Nicht jeder, der sich als Imposter bezeichnet, ist auch wirklich einer. Es gibt auch „strategische Imposter“. Man sagt dann zum Beispiel: „Hach, ich hab all meinen Erfolg eigentlich gar nicht verdient, es war alles nur Glück.“ In Wahrheit denkt man aber, dass man den Erfolg komplett verdient hat und alles nur der eigenen Leistung verdankt. Warum macht man das? Weil die anderen einen dann nett und bescheiden finden und aufhören, einen mit ihrem Neid zu verfolgen. Gelernt haben wir das aus dieser Studie hier. Im Podcast verraten wir auch, woran man strategische Imposter erkennen kann.

Nächster Funfact. Es gibt auch ein paar helle Seiten des Imposter-Phänomens. Zum Beispiel: Wer sich tendenziell als Hostaplerin oder Hochstapler fühlt, hört anderen besser zu, was ich tröstlich und ermutigend finde. Der große Philosoph und Ballkünstler Johan Cruyff hat einmal gesagt: Jeder Nachteil ist auch ein Vorteil.

In diesem Sinne: Seid nett zueinander. Und hört mal rein in unseren Podcast. Und wenn ihr ihn mögt: Leitet den Link dazu weiter an Menschen, die Euch was bedeuten.

Peace!

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